Bereits 1939 hatte Romano Guardini als Aufgabe des Alters bezeichnet, aus der bisherigen wirkenden Mitte herauszutreten.
Später heißt es über die Härte des Nachlassens: "Die Dinge und Geschehnisse des unmittelbaren Lebens verlieren ihre Vordringlichkeit. Vieles, das ihm größte Bedeutung zu haben schien, wird unwichtig; anderes, das er für geringfügig gehalten hatte, nimmt an Ernst und Leuchtkraft zu … Es ist ein Vorlauf dessen, was die religiöse Sprache das Gericht nennt. ›Gericht‹ bedeutet, daß die Dinge aus den Verschleierungen des Geredes, aus den Verwirrungen durch Lüge und Gewalt herausgenommen und in die reine, weder zu bestehende noch zu betrügende Wahrheitsmacht Gottes getragen werden. Zu diesem Gericht vollzieht sich im rechten Alter eine Art Vorbereitung.“
Die Referentin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Jahrg. 1945, war Professorin für Religions-philosophie und vergleichende Religionswissenschaft an der Technischen Universität Dresden. Sie ist Guardini-Biografin und Vorstand des Europäischen Instituts für Philosophie und Religion an der Hochschule Benedikt XVI. in Heiligenkreuz bei Wien.
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In der Antike war das Alter hoch geachtet. Wir finden das auch in der Bibel. Seit der Renaissance erscheint die Jugend als der Idealzustand, der alle Entfaltungsmöglichkeiten bietet. Die Jugend kennt zwar auch Einschränkungen; aber sie ist voll der Dynamik des Eros, der unbeschränkten Lebensfreude und voller Glauben an die Entfaltungsmöglichkeiten. Die Euphorie der Jugend will perpetuiert werden. Man strebt nicht mehr das Erwachsensein mit all seinen Pflichten und Beschränkungen an. Die Jugendlichkeit versucht man als Dauerzustand zu erhalten, was einer Verweigerung des Reifwerdens gleichkommt.
Romano Guardini sieht Grenzen als wichtig an. Plato hatte schon von dem "Glück der Grenzen" gesprochen. Und auch Heidegger sagte: "Was keine Grenze hat, besitzt sich nicht". Ebenso: "Der Verzicht nimmt nicht, der Verzicht gibt." Beim Verzicht schränke ich mich ein und lege mich fest. Hierdurch bekomme ich Form und Gestalt.
Unser Leben hat eine natürliche Grenze, den Tod. Er ist der Übergang in Gottes bleibende Welt. Das Ziel des Lebens ist nicht das Ende, sondern die Voll-Endung. Die Auferstehung ist das Ziel des Daseins. Christus ist mit einem neuen Leib auferstanden, der aber die Wundmale seines vorigen Leibes trug. An ihnen wurde er erkannt. An Ihnen werden auch wir erkannt werden.
Frau Prof. Gerl-Falkowitz bezeugte, dass auch sie selbst diese Reflexionen und Übergänge an sich wahrnimmt. Es war ein gewinnbringender Vortrag, der mich nachdenklich gemacht und mir die Sinnhaftigkeit meiner seit langem empfundenen Grenzen gezeigt hat.
HJH